Samstag, 22. Februar 2014

Donnerstag, 13. Februar 2014

Gebrochene Schriften in der heutigen Zeit

Ralf Herrmann, Typograf und Betreiber der Seite typografie.info, hat einen umfangreichen – und für mich auch inhaltlich etwas überraschenden – Artikel über die Verwendung gebrochener Schriften veröffentlicht. Ausgehend von der Annahme, dass gute Typografie eine gute Lesbarkeit gewährleisten soll, spricht er sich u.a. für eine zweckgebundene Abkehr von den althergebrachten Satzregeln aus.
Gebrochene Schriften, speziell die Fraktur, werden in der deutschen Öffentlichkeit oftmals als Schrift des Dritten Reiches wahrgenommen. So ganz richtig ist diese Wahrnehmung allerdings nicht. Nach einem anfänglichen verstärkten Einsatz als „deutsche Schrift“ galten  Schwabacher und Fraktur ab dem Normalschrifterlass vom 3. Januar 1941 fortan als unerwünscht. Der kleine Österreicher bevorzugte die Antiqua. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz hat die gebrochene Schrift auch heute noch ihre Daseinsberechtigung, symbolisiert sie doch Tradition. Gerade auf Schildern von Landgasthöfen ist diese Assoziation durchaus erwünscht.
Doch da es seit 1941 keine Veränderung der Satzregeln für gebrochene Schriften mehr gegeben hat, wären also die damals gültigen Regeln auch heute noch die richtigen. Im Gegensatz dazu haben sich die anderen Schriftensysteme und natürlich auch die Sehgewohnheiten seit dem weiterentwickelt. „Wir (die Typografen, Anm. K.H.) setzen Texte nach üblichen Konventionen, da wir damit dem Leser so weit wie möglich entgegenkommen wollen. Wir erleichtern ihm das Lesen, indem wir seiner Lese-Erwartung entsprechen,“ so Herrmann in seinem Artikel und bezieht sich dabei u.a. auch auf die Verwendung des kurzen und des langen s. „Es kommt also darauf an, was üblich ist, nicht »was früher einmal war«,“ begründet er sein Ansinnen und spricht sich dafür aus, einige der Satzregeln von 1941 zugunsten der heutigen Lesegewohnheiten über Bord zu werfen, sofern es der Einsatzzweck erfordert. Einerseits ist das für mich eine überraschende Sichtweise, andererseits sind die Argumente durchaus nachvollziehbar. Nicht nur Freunde der gebrochenen Schriften sollten sich diesen Artikel in Ruhe zu Gemüte führen, denn er kann Auslöser einer durchaus spannenden Diskussion werden.